Terroir - Das Streitgespräch

Nach der Kritik von Markus Vahlefeld bat ihn Reinhard Löwenstein um ein öffent-liches Streitgespräch. Beide Autoren hatten vereinbart, zwar höflich aber doch in der Sache hart miteinander umzugehen und so wenige Blätter wie möglich vor den Mund zu nehmen. Die nachfolgenden - leicht gekürzten - Texte entstanden im Fluss und als Antwort auf den jeweils vorangegangenen Beitrag.


_Posted on 12. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld

Uhlen

Lieber Reinhard,

Du weißt, dass auch mich der Begriff Terroir umtreibt. Deswegen war ich so gespannt auf Dein Buch und auch so enttäuscht. Nein, ich hatte von Dir nicht erwartet, dass Du eine Begriffsdefinition von „Terroir“ lieferst. Dazu kenne ich Dich zu gut und weiß um Deine Abneigung gegen Definitionen. Dennoch: der Begriff Terroir steht im Titel des Buches und ich hatte gehofft, Neues zu erfahren oder zumindest eine Weiterführung dessen, was Du mit Deinem FAZ-Manifest vom 07. Oktober 2003 angestoßen hattest. Nur blieb am Ende des Tages nichts Neues übrig, zumindest nichts, was den Begriff Terroir aus seiner Beliebigkeit in eine sinnhafte Engführung überführt hätte.

Oder doch: neu war für mich, in welcher Form Du die biologisch-dynamische Wirt- schaftsweise verteufelst. An insgesamt fünf Stellen kommst Du auf Rudolf Steiner zu sprechen und mehrmals stellst Du ihn in die Nähe der Nazis. Du fragst ganz explizit, ob die Winzer, die heute biologisch-dynamisch arbeiten, Steiner überhaupt gelesen haben und unterstellst damit, dass, wenn sie es getan hätten, sie nie und nimmer so wirtschaften würden. Das hat mich geärgert, weil Du damit die biologisch-dynamisch arbeiten Winzer entweder für dumm (besser: unbelesen) erklärst, oder in die Nähe von Nazis stellst.

Nur eine Bitte: lass uns nicht über die Anthroposophen oder Rudolf Steiner debat- tieren. Es mag ja alles Humbug sein, was der Herr Steiner da verzapft hat. Und mit den Anthroposophen habe ich es auch nicht gerade leicht. Aber das wäre ein Nebenschau- platz. Denn der Hauptschauplatz heißt immer noch: Terroir. Und da liefern die bio- logisch-dynamisch arbeitenden Winzer oftmals sehr überzeugende Resultate.

Aber jetzt tue ich schon so, als wüsste ich, was Terroir sei und wie ein Terroirwein zu sein habe. Aber das weiß ich ja gar nicht. Ich weiß nur, dass es langweilige Weine und dass es spannende Weine gibt. Und die spannenden Weine rücke ich in die Nähe von Terroirweinen. Warum? Weil ich Terroir noch immer für einen Qualitätsbegriff halte. Also: ein Terroirwein ist spannend und hat einen Qualitätsanspruch und sei es nur der, authentisch zu sein. Weine ohne Spannung und Authentizität sind für mich keine Ter- rorweine.

Und trotzdem benutze ich den Begriff Terroir nicht (außer jetzt, in unserem Streit- gespräch), weil er faul geworden und wie welkes Laub von den Bäumen gefallen ist. Als Dein Manifest herauskam, war der Begriff eine Erweckung. Terroir hob in seiner mysteriösen Unauslotbarkeit alles auf, was Wein ausmacht. Aber: weil der Begriff sich jeder Definition sperrte, wurde er beliebig. Vielleicht liegt es an unserer Moderne, dass die Halbwertszeit von richtigen Begriffen allzu kurz geworden ist. Denn auf einmal war aus Terroir ein Marketing-Gag geworden. Jeder dahergelaufene Kartoffelacker-Wein war ein Terroirwein. Und es gab keine Argumente, ihm diesen Begriff abzusprechen. Und so hielt ich es für ehrlicher, auf die Benutzung dieses Begriffes fortan zu verzichten.

Überzeuge mich doch bitte, dass dies falsch war.

Herzlich, Markus